Mittwoch, 18. Februar 2009

Begegnung mit einem Bären

Im Jahr 2000 waren wir zu Gast bei Jussi. Jussi lebt mit seiner Familie in der Einsamkeit Kareliens, direkt an der Grenze zu Russland. Zu ihm zu finden ist gar nicht so einfach. Man muss ein gutes Stück auf einer Sandpiste durch den Wald fahren. Nur ein kleines, unscheinbares Schild weist den Weg zu ihm. Das alte Holzhaus liegt an einem See, durch den sich die Grenze zu Russland zieht. Ein grosses neues Gästehaus gehört zum Anwesen. Wir hatten ein karelisches Buffet bei Jussi und Päivikki gebucht.
Im Wohnzimmer der beiden wurde für uns serviert. Neben verschiedenen Salaten, Piroggen und Fisch gab es unter anderem auch Bären- und Biberfleisch. In Karelien wird üblicherweise das „selbstgebraute“ Hausbier dazu gereicht. Das Hausbier entspricht dem russischen Kwass. Es besteht aus vergorenem Brot und ist für Bayern sehr gewöhnungsbedürftig. Zum Nachtisch gab es Kaffee und Torte. Als wir bei unserem ersten Besuch bei Jussi Torte serviert bekamen, war sie nicht angeschnitten und auch kein Messer war dabei. Auf Nachfrage wurde uns dann erklärt, dass in Finnland keine Torte angeschnitten wird, da sticht sich jeder das Stück von der Torte ab, das er am liebsten isst.
Jussi erzählte uns noch von einem Bären, der in Südfinnland einen Mann angefallen hat. Der Mann war als Jogger im Wald auf „leisen“ Sohlen unterwegs. Er kam zwischen die Bärin und deren beiden Jungen. Die Bärin griff den Jogger an. Der Mann lag lange im Krankenhaus. Jussi meinte: „ihr könnt Euch im Wald überall bewegen, nur müsst ihr dabei laut sein“. Wir zogen es vor, uns vom Wald fernzuhalten.
In Finnland werden Ende Mai die Nächte nicht mehr dunkel. Wir schliefen in unserem Wohnmobil auf dem Hof von Jussi , in der Waldeinsamkeit Kareliens. Mein Mann schnarchte in dieser Nacht, was er eigentlich nur macht, wenn er eine verstopfte Nase hat. Genervt vom „Bäume absägen“ weckte ich ihn immer wieder auf. Morgens um halb fünf wurde es im dann zu bunt. Er zog seinen Jogging-Anzug an und ging nach draussen zum See, der sich ca. 100 m entfernt vom Wohnmobil befand. Heute sagt Franz gerne, ich hätte ihn aus dem Wohnmobil geworfen – was natürlich nicht so ganz richtig ist. Ich hörte nach einiger Zeit ein lautes in-die-Hände-klatschen, dachte mir aber nichts dabei. Plötzlich kam mein lieber Mann ganz aufgelöst zum Wohnmobil und sagte immer was von: „und ich hab` wieder keinen Fotoapparat dabei“. Als er sich ein wenig beruhigt hatte, erzählte er mir von seinem Erlebnis.
Als er am See sass und den leichten Dunst über dem Wasser beobachtete, sah er plötzlich was auf sich zuschwimmen. Er freute sich schon, endlich einen Elch zu sehen. Als das Tier aber näher kam, wunderte er sich über die komischen Ohren. Ein Elch hat doch ganz andere Ohren, dachte er bei sich, ohne an was Schlimmeres zu denken. Als der „Elch“ seinen Kopf bewegte und Franz sein Profil zeigte, meinte er, das ist ein komischer Elch. Dann plötzlich dämmerte es ihm – es ist ein Bär. Franz bekam Panik und dachte, was soll ich jetzt machen. Davonlaufen geht nicht mehr, dafür ist der Bär schon zu nahe da. Er erinnerte sich an die Worte Jussis. Am Strand stand eine grosse Kiste. Franz stellte sich auf die Kiste, und klatschte laut über dem Kopf in die Hände. Der Bär hielt inne – und ….. Gott, sei Dank, er wendete und schwamm zur russischen Seite des Sees. Bevor der Bär sich im Schilf davonmachte, stellte er sich noch aufrecht hin und zeigte Franz seine Pranken. War das eine Warnung! Das ist noch einmal gut gegangen.

Der See bei Jussi

Als wir am Morgen bei Jussi zum Frühstück waren, erzählte Franz über das Erlebte. Jussi meinte, er hätte schon Spuren von einem Jungbären in der Nähe gesehen. Der Bär wurde von seiner Mutter verstossen und war nun auf der Suche nach einem eigenen Revier. Jussi und Päivikki haben drei Kinder aus Russland adoptiert. Die Kinder wollten immer wieder von der Begegnung mit dem Bären hören. Es war so schön die blitzenden Kinderaugen zu sehen. Sie meinten, der Papa müsste nun die Schafe, die eingezäunt im Grundstück grasen, in der Nacht reinholen. Die Kinder malten Franz ein Bild als Dank dafür, weil er einen Bären gesehen hatte und die schöne Geschichte immer wieder erzählte.

Franz ärgert sich noch heute, dass er keinen Fotoapparat dabei hatte. Einen Bären in freier Wildbahn wird er wohl nicht mehr vor die Augen bekommen.

heidi

Kommentare:

  1. Das kann ich mir denken, ein einmaliges Erlebnis, einen Bären zu treffen, schade, im spannendsten Moment hat man keinen Fotoapparat dabei.
    Eine interessanter Beitrag, gut gemacht, schöner Blog!

    Liebe Grüße

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  2. Tolles Erlebnis. Mein Mann hatte auch ein "Bären Erlebnis" im Velebit Gebirge in Kroatien. Er übernachtete im Freien (war mit Freunden Klettern) im Schlafsack und ein Bär kam gerade aus dem Gebirge und machte sich auf den Weg ins Dorf. Ist bei uns auch immer eine beliebte Geschichte. Ich finde es auch ganz toll, was du so alles zu erzählen hast, was du so alles machst. Sehr interessant. Danke für die Mühe, freu mich schon auf nächste Geschichten. Liebe Grüße von Sabine

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  3. Hallo Mama,

    Deine Geschichten lesen sich so wunderbar. Ich mußte über manche Stellen so lachen, weil ich sie mir bildlich vorstellen konnte. Besonders die Stelle als Papa immer noch an einen Elch glaubte. Ich freue mich jedesmal, wenn ich von Dir was neues im Blog lesen kann. Das ist ein richtiges Feierabend-Highlight, oder auch eine schöne Gute-Nacht-Geschichte. Ich bin stolz eine Mutter zu haben, die so toll schreiben und erzählen kann.

    Liebe Grüße

    Diana

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  4. Oh Heidi,
    noch ein Blog, Du bist aber fleißig. Und Deine Berichte gefallen mir echt gut, komme Dich auch gern besuchen. Soviel zum Thema Gästebindung :-)
    Liebe Grüße sendet Dir
    Maria

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